Leseprobe 1

Die Nacht, als es in Leipzig brannte

Dass Leipzig ein heißes Pflaster war, realisierte ich anfangs nicht. Nur einmal wunderte ich mich über einen Taxifahrer, der sich spät abends weigerte, mich zum Hauptbahnhof zu fahren. Es war einer der ersten Abende, die ich im Büro alleine verbringen musste, ich hatte Hunger und mir war langweilig, da ich vergessen hatte, Bettlektüre einzustecken. Die Läden hatten schon geschlossen, also rief ich ein Taxi, das mich zum Hauptbahnhof bringen und dort warten sollte, damit ich meine Einkäufe tätigen und mit ihm wieder zurück ins Büro fahren konnte. Ja genauso hatte ich mir das vorgestellt, nur daraus wurde leider nichts. "Nein, in der Dunkelheit fahre ich Sie nicht mehr an den Bahnhof. Sie holen sich nun in der Innenstadt etwas zu essen, dann fahre ich Sie zurück." Basta.

Monate später die Nacht, als es in Leipzig brannte.

An diesem Abend schaffte es jemand, gleichzeitig zwei Dinge in mir auszulösen: Verlegenheit UND Angst. Ein Geschäftstermin im Hotel Merkur stand an, zu dem ich meinen Chef, den begnadeten Lebenskünstler mit dem willigen Schutzengel, begleiten sollte und er tat sehr geheimnisvoll. Anfangs ging ich davon aus, ich würde keinen besonders wichtigen Bestandteil der Besprechung darstellen, denn es handelte sich um Verhandlungen über Immobilien und dies war nicht mein Ressort. Gespannt warteten wir im Wintergarten des Hotels auf seine neuen, ominösen Geschäftsfreunde, denn auf meine Frage, wer das sei, bekam ich von ihm nur hämisches Feixen zur Antwort.

Währenddessen wurde mein sächsischer Seemann mit der Abholung der Gäste am Flughafen beauftragt. Ein dicker, protziger Daimler wurde angemietet, um ihnen ein standesgemäßes Geleit zum Hotel zu garantieren. Noch immer hatte ich keinerlei Vorstellungen, um wen es sich hier genau handelte.

Unser auf Hochglanz poliertes Schwergewicht wurde von den zwei Neuankömmlingen völlig ignoriert. Zielstrebig stiegen sie in einen Rolls-Royce ein, der für sie am Flughafen, samt Fahrer, schon bereitstand. In Rekordzeit erschienen sie zum Termin, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder rote Ampeln stellten für sie kein Hindernis dar. Verkehrskontrollen gab es so gut wie keine, denn die Polizei hatte damals ganz andere Sorgen.

In einem Nebenraum des Leipziger Hotels Merkur versammelten sich alle Beteiligten zum gemeinsamen Geschäftsessen. Einige mir bekannte Geschäftsfreunde, mein Leipziger, mein wie immer wohlgelaunter Chef, diese drei seltsamen Geschäftsleute aus Frankfurt/Main, die sich anscheinend für Leipziger Immobilien interessierten und ich. Die zwei imposanten Bären saßen mir genau gegenüber. Der dritte im Bunde, ein hagerer, groß gewachsener Kerl, mit dem vertrauenserweckenden Spitznamen "Flinkes Messer", saß etwas abseits. Mit dicker Goldkette und auffälliger Uhr geschmückt, von deren Wert ich sicher einige Jahre hätte leben können, das war der Chefbär, neben ihm protzte sein tätowierter Bodyguardbär. Der braun gebrannte Chefbär, der an einen viel zu lange gegrillten Goldbroiler erinnerte, musterte mich kritisch. Während des Essens beobachtete er mich ständig, ohne eine Miene zu verziehen. Mir wurde immer mulmiger zumute und ein unerklärliches Unbehagen stieg in mir auf.

Plötzlich beugte er sich vor, sah mich durchdringend an und zischte mir augenzwinkernd zu: "Mädchen wie dich können wir gut gebrauchen, jung, unverbraucht und aus gutem Hause. Genau das, was wir suchen! Interesse?"

Um Zeit zu gewinnen, die Frage zu verdauen, entschied ich kurzfristig, mich als ein wenig unterbelichtet auszugeben und reagierte nicht, denn so langsam dämmerte es mir ...

Leseprobe 2

Die Wessis verfallen der Leipziger Aphrodite

Regelmäßig besuchten uns in Leipzig Geschäftsfreunde aus dem Westen, selbstverständlich immer unter dem Deckmantel äußerst wichtiger, geschäftlicher Termine. Die meisten von ihnen waren verheiratete Familienväter, führten im Westen ein langweiliges, spießiges Leben und wurden bereits am ersten Abend von einem ganz besonders hartnäckigen Virus befallen. Dem Virus der grenzenlosen Freiheit, weit weg von Mutti und den Bälgern, weg von Spießigkeit, Alltag und Langeweile. Alle, restlos alle, mit denen ich damals zu tun hatte, wurden infiziert und tauchten in das atemberaubendende, scheinbar zügellose, Nachtleben von Leipzig ein, das zu dieser Zeit vielerorts präsent schien, wenn man nur Augen und Ohren weit genug offen hielt.

Ein sehr begehrtes nächtliches Ausflugsziel einiger unserer männlichen Gäste war der "Aphrodite Nightclub". Ein nobles Vergnügungs-Etablissement der gehobenen (Preis-) Klasse und bis zum heutigen Tage das einzige Edelbordell Leipzigs.

Die spießige Überheblichkeit dieser Nadelstreifenakademiker ist mir noch immer gut in Erinnerung. Viele von ihnen trugen die Nase so weit oben, bis sie sich diese in Leipzig gewaltig wund scheuern sollten, denn hier herrschten andere Gesetze. Mit der neu gewonnenen Freiheit konnte nicht ein jeder umgehen, vor allem, wenn er die persönliche Kontrolle darüber zu verlieren begann. In diesem Falle drohte die vermeintliche Freiheit leicht zum Verhängnis zu werden, was auch prompt einigen der Anzugshelden passierte. Ihre Arroganz und Überheblichkeit stieß mir damals oft bitter auf. Dennoch stellen diese Zeilen keineswegs eine Abrechnung mit ihnen dar, denn sie sollten bereits in Leipzig ihre Lektion erteilt bekommen, was mich noch heute sehr amüsiert, wenn ich daran denke. Fast ein jeder von ihnen stolperte, über kurz oder lang, über seine eigene, unkontrollierte Geilheit.

Zu einer Zeit, als Kreditkartenzahlungen noch mit einem manuellen Gerät abgerechnet wurden, rettete diese Tatsache eines Nachts einem unserer Geschäftsführer vermutlich seine Ehe. Er und ein weiterer Prachtbursche der Akademikergilde, seines Zeichens Junganwalt, waren in Leipzig "on Tour" und landeten zu vorgerückter Stunde im  "Aphrodite Nightclub". Beide Jungs werden uns in nachfolgenden Kapiteln übrigens noch einmal begegnen ...

Vermutlich in bereits sehr gelöster Stimmung, achteten sie wohl nicht mehr so genau auf die Preisliste der diversen Getränke und Dienstleistungen. Nachdem ihre oberen Körperhälften mit prickelnder Puffbrause abgefüllt, und die unteren vom Servicepersonal abgearbeitet waren, ging es an die Bezahlung der nächtlichen Orgie. Unsere beiden Genossen hatten allerdings so ausgiebig gefeiert und gefedervieht, dass ihr Bargeld bei Weitem nicht mehr ausreichte. Schweren Kopfes, aber mit erleichterten Lenden, hinterließ unser Geschäftsführer seine Kreditkarte als Pfand.

Erst am nächsten Morgen, als sich bei ihm die ersten Nebel

lichteten, wurde ihm die gesamte Tragweite dieser Aktion

bewusst, denn ...

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